Albertinum befragen
Wie werden Museen gemacht? Welche Geschichten erzählen sie – und welche nicht? Welche Verantwortung tragen sie? Mit „Albertinum befragen“ starten wir einen offenen, mehrstufigen Prozess, mit dem wir nicht nur unsere Sammlungspräsentation um Perspektiven erweitern, sondern grundsätzliche Fragen an die Institution Museum stellen. Ausgangspunkt ist der Wunsch, uns weiter zu öffnen: für alle Besucher:innen, für (noch) nicht erzählte Geschichten, für unsere unmittelbare Umgebung sowie für die Zukunft.
die themen
Die Themen, die uns beschäftigen, sind vielfältig – manche davon begleiten uns schon lange, andere haben erst in den letzten Jahren eine besondere Dringlichkeit entwickelt. Es sind Fragen, auf die wir mitunter keine abschließenden Antworten haben, Zweifel, die uns umtreiben, Positionen, die sich verschieben – kurz: unsere Baustellen. Dazu haben wir Stationen entwickelt, die sich – grün markiert – durch die Sammlungspräsentation ziehen. Wir wollen Räume schaffen, in denen Differenzierungen und Ambivalenzen möglich sind und Perspektiven nebeneinanderstehen dürfen, ohne sich gegenseitig aufzulösen.
In dieser ersten Phase reflektieren wir auch, welche Fehlstellen wir im Albertinum sehen – und wie sie sich schließen oder – vielleicht gleichermaßen wichtig – für eine kritische Auseinandersetzung geöffnet halten lassen. Denn: Unsere Sammlung verstehen wir nicht als abgeschlossene Erzählung, sondern als historisch gewachsenes und sich stetig weiterentwickelndes Gefüge – mit Brüchen, Leerstellen und Widersprüchen.
Wie entsteht Kanon? Wer ist sichtbar, wer bleibt ausgeschlossen? Wie wurde und wird über Kunst gestritten? Wie haben vermeintlich außerhalb der Kunst stehende politische und gesellschaftliche Prozesse das Albertinum und seine Sammlung geprägt – und wie prägen sie unsere Arbeit noch heute?
Wir ringen mit dem angemessenen Umgang mit problematischen Ereignissen in der Sammlungsgeschichte und mit Formen von Ausgrenzung, die bis in die Gegenwart wirken. Wir thematisieren Provenienzfragen, strukturellen Eurozentrismus und die bis heute anhaltende Unterrepräsentation von Künstlerinnen. Ein besonderer Fokus gilt auch der Kunst aus der DDR – einschließlich jener Positionen, die vor 1989 keinen Eingang in die Sammlung fanden.
Gerade in einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Spannungen fragen wir: Kann ein Museum ein Ort sein, an dem nicht nur Konsens, sondern auch Dissens sichtbar wird? Kann Kunst Dialog ermöglichen und Perspektiven öffnen, auch dort, wo es keine einfachen Antworten gibt?
Albertinum befragen ist kein Neuanfang, sondern ein weiterer Schritt auf der fortwährenden Suche nach dem, was ein Museum ist – und was es sein kann.
Mit Unterstützung von Outset Contemporary Art Fund.
Streit
Was wäre eine demokratische Gesellschaft ohne Streit?
Wo können Menschen noch miteinander in Dialog kommen?
Worüber möchten Sie mit uns streiten?
Streit hat keinen guten Ruf. Dabei ist er eine der zentralen Ressourcen der Demokratie. Sie lebt nicht vom Konsens, sondern davon andere Meinungen aushalten, zu argumentieren, widersprechen, Kompromisse zu verhandeln. Demokratie ist kein Zustand, sondern eine Praxis – ohne Dissens nicht denkbar.
Im Albertinum wurde und wird viel gestritten, ob in Veranstaltungen, im Gästebuch, oder auch im direkten Gespräch mit Besucher:innen: Über die Präsenz von Kunst aus der DDR in der Sammlungspräsentation. Über den Umgang mit diskriminierenden Werktiteln. Über das Gendern. Über die museale Haltung im Gaza-Krieg. Über „politische Zeichen“ im Museum – gemeint ist die Ukraine-Fahne in der Hand der monumentalen David-Skulptur im Eingangsbereich.
Doch Streit braucht Regeln: gegenseitigen Respekt, die Bereitschaft zuzuhören – und den klaren Rahmen des Grundgesetzes. Innerhalb dieses Rahmens muss Auseinandersetzung möglich bleiben. Museen gehören zu den wenigen Orten, an denen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Prägungen und Überzeugungen überhaupt noch physisch aufeinandertreffen. Insbesondere im Osten Deutschlands, wo die breite kulturelle Bildung aus DDR-Zeiten noch nachzuwirken scheint und viele Menschen selbstverständlich regelmäßig ins Museum gehen. Dieses Potenzial ist kostbar – und gefährdet. Wo der Austausch abnimmt, wächst die Vereinfachung.
Wenn wir das ernst nehmen, dann dürfen wir Streit nicht vermeiden. Auch wenn er anstrengend ist und manchmal weh tut. Und wir sollten ihn sichtbar machen. Nicht nur Ergebnisse zeigen, sondern Prozesse. Nicht nur Konsens, sondern auch Konflikt. Und wir müssen mutig bleiben.
Das Museum ist kein neutraler Ort. Aber es kann ein offener sein: einer, der nicht vorgibt, alle Antworten zu kennen, sondern Fragen stellt – und aushält, dass es Widerspruch gibt.
von Hilke Wagner, Direktorin
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