© SKD, Foto: Matthias Rietschel

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Wolfgang Tillmans gehört zu den international bedeutendsten Künstlern seiner Generation. Sein Hauptmedium ist die Fotografie. Bekannt geworden ist er in den 1990er Jahren mit seinen Fotografien der europäischen Jugendkultur. Tillmans versteht sich als "Bildermacher", der der eigenen Fensterbank genauso viel Aufmerksamkeit schenkt wie der Welt dahinter: "Sehen an sich ist Nachdenken über die Welt."

Seine Motive lassen sich den klassischen Gattungen Porträt, Landschaft, Stillleben und Genre zuordnen, sind bei ihm aber stets ganz gegenwärtig, ohne Idealisierung oder Überhöhung. Konzept, aber auch Zufall und produktiver Zweifel gehen den Bildern voraus, denn, so Tillmans, "Fotografie ist immer eine Interpretation der Welt". Ein Bild zu fotografieren, das erfordert nicht nur inhaltliche, bildästhetische und moralische Entscheidungen, sondern ist auch eine Frage des technischen Verfahrens. Wie verhalten sich Licht, Farben, Formen, Volumen und Oberflächen, wenn sie abgelichtet werden? Welche Rolle spielen die Kamera, die mechanischen, chemischen und elektronischen Prozesse und das Papier als Träger bei der Übersetzung eines gesehenen Bildes in ein gedrucktes Foto? Seit der Jahrtausendwende untersuchte Tillmans vermehrt diese Aspekte der Fotografie und Reproduktionstechnik, um abstrakte fotografische Bilder ohne Kamera herzustellen.

Impressionen

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In Ausstellungen führt Tillmans Arbeiten aus unterschiedlichen Zeiten und Kontexten zu großen Installationen zusammen. Seine Auswahl für das Albertinum umfasst 23 Fotos aus den Jahren 1992 bis 2018. In unkonventioneller Hängung kombiniert er Bilder - gerahmt und ungerahmt - in unterschiedlichen Formaten und Drucktechniken. Das motivische Spektrum ist vielfältig: Landschaften, Menschen, Nachthimmel, Gewitter, Häuser, Mauern, Gedenktafeln. Das Phänomenale und das Alltägliche, Weltgeschichte und Familie, klassische Bildkonzepte und zufällige Beobachtungen, Dokumentation und fotochemische Abstraktion formieren einen Resonanzraum unterschiedlicher Themen, Perspektiven und Erzählungen. Gemeinsam ist ihnen Tillmans´ "humanistischer Blick auf die Welt", der Mensch, Natur und Geschichte(n) zueinander in Beziehung setzt und auch (kunsthistorische) Bezüge zu den benachbarten Ausstellungsräumen - zwischen den Kriegstriptychen von Otto Dix und Hans Grundig sowie den abstrakt-konstruktivistischen Werken Hermann Glöckners - sichtbar werden lässt. Seine Porträts und Landschaften, seine Stillleben und abstrakten Bilder begegnen im Albertinum ihren älteren und jüngeren "Verwandten". Die neuesten der für Dresden ausgewählten Arbeiten resultieren aus seiner Beschäftigung mit dem "War Requiem" von Benjamin Britten (1962 anlässlich der Weihe der neuerbauten Kathedrale von Coventry uraufgeführt) und berühren die zeitlose Frage nach Schuld und Versöhnung. Coventry und Dresden wurden im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe des Kriegsgegners zerstört. Ihr Schicksal steht exemplarisch für die grausame Logik des Krieges, für die militärische Strategie von Aggression und Vergeltung. Noch während des Wiederaufbaus setzten beide Städte 1959 mit ihrer Städtepartnerschaft ein "Zeichen der Versöhnung und des Friedenswillens" über die Gräben des Kalten Krieges hinweg. In der kriegszerstörten Kathedrale von Coventry hat Tillmans einen mit Moos überwucherten Stein der Ruine (ein Zeichen der Zeit, die über die Geschichte hinweggeht) und Tafeln fotografiert, die in englischer und deutscher Sprache eine "Litanei der Versöhnung" predigen - für eine Welt ohne Hass, Diskriminierung, Gewalt, Neid, Gier und Hochmut. Eine universelle Botschaft, die in einer nach wie vor von Konflikten und Kriegen gezeichneten Welt an ein menschliches Miteinander appelliert. Versöhnung, die aus historischem Bewusstsein wächst - davon zeugen auch zwei im November 1998 in Dresden entstandene Aufnahmen, als die Initiative "Weg der Erinnerung" der Opfer der Reichsprogromnacht von 1938 gedachte und zugleich die Grundsteinlegung für die Neue Synagoge in Dresden erfolgte. Der aus einem Flugzeug fotografierte, vom Licht der Stadt illuminierte Nachthimmel über St. Petersburg verbindet Dresden mit der russischen Partnermetropole - eine Beziehung, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht und in die wechselvolle deutsch-russische Geschichte eingebettet ist.

Wie alle Installationen von Tillmans ist der Raum im Albertinum auch eine Reflexion über den Realitätsgehalt und Wahrheitsanspruch des fotografischen Bildes, über seine Möglichkeiten und Strategien sowie über das Verhältnis von Bildern zu geschichtlichen Erfahrungen und persönlichen Erinnerungen.

Rundgang mit Wolfgang Tillmans durch seine Installation für das Albertinum

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Schenkung von Wolfgang Tillmans und den Freunden der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
Schenkung von Wolfgang Tillmans und den Freunden der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

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14 der gezeigten 23 Arbeiten gehören zum Bestand der Sammlung Hoffmann, die im März 2018 als Schenkung an die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gelangte.
Die anderen neun Werke wurden aus Anlass von Tillmans´ Installation im Albertinum von MUSEIS SAXONICIS USUI – Freunde der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden e.V. für das Museum erworben.

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